| Die Zeit:
Chancen 21/2002
Schulen
der Macht
In
zweijährigen Master-Studiengängen lehren amerikanische Universitäten
das Handwerk der internationalen Politik
von Christiane
Karweil
Ausgebombte
Lastwagen liegen am Rand der schmalen Schotterstraßen, die sich durch
tiefe Schluchten und über karstige Berge ziehen. Trotz des klaren
Himmels braust David Shaltiel, dem Kommandeur von Jerusalem, am
Wachturm Kastel ein eisiger Wind um die Ohren. Von der Bergspitze
sieht er auf Jerusalem hinab: Tag für Tag wird es schwieriger, die
Einwohner zu versorgen. Aus dem Hinterhalt schießen arabische
Untergrundkämpfer auf die israelischen Konvois. Für Abdel Kader el-Husseini,
den palästinensischen Guerillaführer, ist die Situation kaum besser:
Haben seine Männer überhaupt noch eine Chance, den Israelis
standzuhalten?
Der
israelische Unabhängigkeitskrieg ist längst vorbei, aber für
Johanna Möhring ist die Situation ganz gegenwärtig. Die Studentin
ist in die Rolle des Kommandeurs von Jerusalem geschlüpft. Neben ihr
steht ein Kommilitone alias Abdel Kader el-Husseini. Solche
Rollenspiele sind nichts Ungewöhnliches für die Studenten der School
of Advanced International Studies der Johns Hopkins University in
Washington. Johanna Möhring hat dort einen Master in International
Relations gemacht. Um den Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 zu
studieren, ist sie während der Osterferien 2000 gemeinsam mit 35
Kommilitonen nach Israel gefahren. Ein Besuch im Haus des ehemaligen
Premierministers David Ben Gurion stand dabei ebenso auf dem Programm
wie ein Abendessen mit dem Sohn von Abdel Kader el-Husseini. Vor der
Reise hatten die Studenten in Referaten herausgearbeitet, wer wann
welche Interessen verfolgte.
Während
hierzulande im Politikstudium oft Theorie in vollen Hörsälen
vermittelt wird, können Studenten an amerikanischen Universitäten
lernen, wie Politik im Alltag funktioniert. 23 US-Universitäten haben
sich in der Association of Professional Schools of International
Affairs (APSIA) zusammengeschlossen. Sie bieten allesamt Master-Studiengänge
an, die auf eine Karriere in der Politik, bei internationalen
Organisationen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), karitativen
Einrichtungen oder auch in globalen Unternehmen vorbereiten. Wer eine
solche Professional School nach zwei Jahren verlässt, hat Mikro- und
Makroökonomie, Politik und Geschichte gepaukt; er hat in
Simulationsspielen nach Konfliktlösungen für Krisenregionen gesucht,
anhand von Fallstudien den Zusammenbruch der argentinischen Wirtschaft
analysiert und gelernt, wie man Memos und Policy-Empfehlungen für das
Außen- oder Wirtschaftsministerium schreibt.
Zu
den bekanntesten Professional Schools zählen die School for Advanced
International Studies der Johns Hopkins University und die School of
Foreign Service der Georgetown University, beide mit Sitz in
Washington, aber auch die School of International and Public Affairs
an der New Yorker Columbia University und die Woodrow Wilson School in
Princeton. Ebenso berühmt sind die Fletcher School of Law and
Diplomacy der Tufts University und die John F. Kennedy School of
Government der Harvard University, die beide in Boston ansässig sind.
Staatsbesuch
bei Studenten
Knut
Dethlefsen, 32, entschied sich für das Master of Foreign Service
Program an der Georgetown University. Vorher hatte sich der 32-jährige
Historiker noch andere Schulen angesehen, doch ihm war vor allem die Nähe
zur internationalen Politik wichtig. Zwei- bis dreimal pro Woche nimmt
er die U-Bahn zum Capitol Hill und arbeitet dort im außenpolitischen
Stab der kalifornischen Senatorin Diane Feinstein. Für sie hat er
eine Gesetzesvorlage gegen den illegalen Handel mit kleinen und
leichten Waffen wie Revolver und Handgranaten ausgearbeitet und eine
Analyse über den anstehenden Führungswechsel in der chinesischen
Regierung geschrieben. Als Joschka Fischer zugegen war, hielt dieser
in der altehrwürdigen Gaston Hall der 1789 gegründeten Georgetown
University eine Rede; anschließend stellte sich der deutsche Außenminister
den kritischen Fragen der Studenten zur Rolle Deutschlands in der
globalen Sicherheitspolitik. Staatsbesuche sind in Georgetown ebenso
wenig eine Seltenheit wie der Besuch hochrangiger Vertreter von IWF,
Weltbank oder anderen internationalen Organisationen.
Die
Studenten der Professional Schools können verschiedene
Vertiefungsrichtungen belegen. Zur Wahl stehen unter anderem Außen-
und Sicherheitspolitik, Entwicklungspolitik, Diplomatie, Umweltpolitik,
Konfliktmanagement, Menschenrechte, Internationale
Volkswirtschaftslehre oder Recht. Die Kurse sind international
ausgerichtet, außerdem können regionale Schwerpunkt gesetzt werden:
Lateinamerika, Orient, Osteuropa, Asien - kaum eine Region ist nicht
im Programm.
Zwölf
Uhr mittags, McGee Bibliothek, Georgetown. Während eine kleine Gruppe
von Studenten ihr Lunchpaket auspackt, erzählt Sue McIntyre, Leiterin
des Nothilfeprogramms der NGO World Vision, mit welchen Problemen sie
bei der Essenverteilung in den mazedonischen Flüchtlingscamps
konfrontiert war. Wie kommt sauberes Wasser in die Camps? Wie viel
Essen braucht man für 1000 Flüchtlinge? Wird vor Ort gekocht?
Die
so genannten Lunch-Seminars sind Tradition. Hier steht der
Berufsalltag im Vordergrund. "Wie vereinbart man Job und
Familienleben, wenn man ständig von einem Ort zum nächsten versetzt
wird?", will zum Beispiel Helen Schulte von Sue McIntyre wissen.
Für die 26-jährige Politikstudentin aus Berlin sind diese
Erfahrungsberichte ebenso wertvoll wie die Theorie zu Flüchtlingsfragen
und humanitären Krisen, die sie am Institut für Migration der
Universität lernt.
In
Deutschland hat sich das Konzept des interdisziplinären und
praxisnahen Politikstudiums noch nicht durchgesetzt. "Bislang gab
es an deutschen Universitäten keinen Druck, das Studium näher an der
Praxis auszurichten", sagt Gunther Hellmann, Professor für
Politikwissenschaft und internationale Beziehungen an der Universität
Frankfurt und selbst Absolvent der Georgetown School of Foreign
Service. Während in den USA studienbegleitende Praktika bei NGOs oder
bei internationalen Organisationen wie der Weltbank üblich sind, stoßen
Studenten hierzulande zudem auf bürokratische Hürden. "Ein
Praktikum im Kanzleramt scheitert zumeist an personalrechtlichen oder
Sicherheitsgründen", sagt Hellmann. Allerdings gerät auch in
Deutschland langsam etwas in Bewegung: So bietet die Universität
Erfurt ab dem Wintersemester einen praxisorientierten Master-Studiengang
in Public Policy an.
Ob
beim World Economic Forum in Davos, der Weltbank in Washington oder
den Vereinten Nationen in New York - die Absolventen der Professional
Schools werden gern gesehen. Aber auch nationale Institutionen mit
internationalen Aufgaben sind an ihnen interessiert. Knut Dethlefsen
wird demnächst für die Friedrich-Ebert-Stiftung das Büro in
Shanghai aufbauen, Helen Schulte beginnt im Herbst mit einem Trainee-Programm
für Krisenprävention und Konfliktmanagement bei der Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit - zuerst in Frankfurt, dann in Guatemala.
Johanna Möhring arbeitet heute bei der Organisation for Economic
Development in Paris. "Ein Abschluss von Johns Hopkins oder einer
anderen großen Universität ist ganz klar ein Türöffner bei der
Jobsuche", sagt sie. Das bestätigt auch Oscar Villarreal von der
Personalabteilung bei der OECD: "Solche Studienabschlüsse sind für
uns sehr interessant, denn die Absolventen haben bereits
internationale Erfahrungen gesammelt." So gut die
Berufsaussichten auch sind, die exzellente Ausbildung hat einen hohen
Preis: Je nach Schule betragen die Studiengebühren bis zu 27 000
Dollar pro Jahr, hinzu kommen Reise- und Lebenshaltungskosten. Doch es
gibt eine Reihe interessanter Stipendien. Das European Recovery
Program (ERP) beispielsweise übernimmt 20 000 Dollar Studiengebühren
pro Jahr und zahlt einen monatlichen Unterhalt von 1500 Dollar.
Nur
noch wenige Wochen, dann werden Knut Dethlefsen und Helen Schulte,
gekleidet im schwarzen Talar, auf dem Platz vor der Healy Hall ihr
Diplom entgegennehmen. Etwas aber lässt sich nicht in Noten ausdrücken
- die Kenntnis der amerikanischen Kultur und Denkweise. Dazu gehört
die Erfahrung, dass Europa aus amerikanischer Perspektive in der
Weltpolitik lediglich eine Nebenrolle spielt und dass ein Militärschlag
gegen den Irak von den meisten nicht hinterfragt wird. Allerdings hat
das letzte Jahr eine Seite der Supermacht USA offenbart, die mancher
Europäer nicht vermutet: "Nach dem 11. September hat man sich
hier in Georgetown als Erstes gefragt: Was haben wir falsch
gemacht?", erzählt Knut Dethlefsen - und zeigt sich sichtlich
beeindruckt von diesem Amerika.
Infos
zu ERP-Stipendien für die Professional Schools
Das
"European Recovery Program" (ERP), das von der
Studienstiftung des Deutschen Volkes betreut wird, vergibt jährlich
15 bzw. 16 Stipendien. Das Programm übernimmt 20.000 Dollar
Studiengebühren pro Jahr und zahlt einen monatlichen Unterhalt von
1500 Dollar. Die ERP-Bewerber müssen sich zunächst direkt an die
Universität wenden, einen Englischtest (TOEFL) und einen
standardisierten Test für die Graduierten-Schule machen (GRE), sowie
einige Essays schreiben. Oftmals setzen die Professional Schools
Berufserfahrung voraus, jedoch können auch Praktika aus der
Studienzeit angerechnet werden. Gleichzeitig schicken Interessierte
ihre Bewerbungsmappe an die Studienstiftung. Das ERP-Programm richtet
sich an Hochschulabsolventen, die ihr Studium mir gut bzw. mit
vollbefriedigend abgeschlossen haben und bei der Bewerbung nicht älter
als 30 Jahre sind. Nach einer Vorauswahl werden die Kandidaten zum
persönlichen Gespräch eingeladen. "Neben fachlicher Exzellenz,
müssen die Bewerber gesellschaftliches Engagement zeigen", sagt
Sibylle Kalmbach, Leiterin des ERP-Programms. Da das ERP-Programm
nicht an eine bestimmte Universität gebunden ist, würden sich die
meisten Anwärter bei mehreren Schulen gleichzeitig bewerben, so
Kalmbachs Erfahrung. Wer allerdings auf die John F. Kennedy School
nach Harvard möchte, muss sich über das McCloy Programm der
Studienstiftung bewerben.
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